Winter-Tulpen

Kaum ist der Osterhase davon gehoppelt, steckt der Schoko-Weihnachtsmann in den Startlöchern. Während das Thermometer Hitzerekorde zeigt, wirbt die Bekleidungsindustrie für ihre Winter-Kollektion und bei Eiseskälte präsentieren Litfaßsäulen knappe Bademoden. Keine Branche scheut sich, das Unterste zuoberst zu kehren, wenn es um den Profit geht. Das ist nichts Neues. Aber haben Sie schon mal was von Winter-Tulpen gehört?

Besonders schwer stelle ich es mir nicht vor, Tulpenzwiebeln im Herbst zum Keimen zu bringen. Hobbygärtner stecken die Knollen seit eh und je vor dem Winter in die Erde. Und dass Profis es mit Hilfe von Kühlräumen und Gewächshäusern schaffen, Tulpen zu jeder Jahreszeit zum Blühen zu bringen, will ich gerne glauben. Trotzdem: Die Boten des Frühlings im Oktober, November, Dezember auf dem Wohnzimmertisch – irgendetwas passt da für mich nicht.

Die Globalisierung erlaubt uns, das ganze Jahr über frische Erdbeeren zu essen. Der Flieger bringt uns im Januar in den Badeurlaub. Und in vielen Skigebieten der Welt können wir im Hochsommer dem Wintersport frönen.

Schon meine Mutter hat mich davor gewarnt, die Nacht zum Tag zu machen. Doch genau das ist heute für viele Menschen Alltag.

Ich frage: Muss das alles so sein?

Vielleicht hat es etwas mit dem Klimawandel zu tun. Werden wir darauf vorbereitet, dass es bald vorbei ist mit dem wiederkehrenden Ablauf von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht?

Ich für meinen Teil besinne mich auf meine 68er-Tugenden und trete in den Streik. Keinen Sitzstreik auf der Straße – da komme ich nicht mehr hoch. Keine Streikwache vor dem Werkstor – ich bin im Ruhestand und der ist mir heilig. Ich mache nur einfach nicht mehr mit, wenn mir etwas gegen den Strich geht. Und gegen die Natur.

Ab sofort knipse ich den Fernseher aus, wenn die Sonne unter- und der Mond aufgeht. Ab sofort stelle ich keinen Wecker mehr, sondern ich halte mir Hühner und einen Hahn. Ab sofort esse ich nur noch, was ich im eigenen Garten gezüchtet habe oder was auf meinem Balkon wächst.

Und keinesfalls kaufe ich im Winter Tulpen!

© Bruno Busch