Bierabsatz im Keller

Na, das war doch mal eine Zeitungs-Überschrift: „Bierabsatz im Keller!“ Ich mag solche Wortspiele. Im konkreten Fall ging es darum, dass heimische Brauereien für ihre Produkte drastisch gesunkene Verkaufszahlen beklagten. Hintergrund war der Lockdown während der Corona-Pandemie. Hotels, Restaurants, Gaststätten, Pubs und Clubs waren zu, Schauspielhäuser, Konzertsäle und Kinos ebenso. Das bedeutete auch, dass dort kein Bier ausgeschenkt werden durfte. Die Brauereien blieben auf ihren vollen Fässern sitzen. Eine Unmenge des schal gewordenen Gerstensafts sickerte in die Kanalisation oder wurde zur Bewässerung von Feldern missbraucht. Welch ein Frevel!

„Bierabsatz im Keller!“: Diese Schlagzeile weckte bei mir freilich noch ganz andere Assoziationen. Vor meinem geistigen Auge sah ich ausgesperrte Zechbrüder nun in unterirdische Gemächer verbannt ihrem Laster frönen. In privaten Kellern. Aber auch in den Kellern der bereits erwähnten Hotels, Restaurants, Gaststätten, Pubs und Clubs und so weiter.

Was den doppelten Wortsinn betraf, blieb es in diesem Fall nicht bei der Fiktion. Aus dem Untergeschoss des Sportheims vom TSV 1890 drangen mir beim Verdauungsspaziergang am Sonntagnachmittag plötzlich bierselige Gesänge ans Ohr, obwohl an der Eingangstür unübersehbar das Schild mit der Aufschrift „Geschlossen“ prangte und sämtliche Fensterläden fest verriegelt waren. Hatte sich jetzt der im Sinkflug befindliche Bierabsatz etwa in den Keller unserer Sportheimgaststätte verlagert haben?, schoss es mir durch den Kopf.

Was sollte ich machen? So tun, als hätte ich nichts gehört und einfach weitergehen? Die Polizei rufen, die eigenen Sportfreunde anschwärzen und später von ihnen als Verräter gebrandmarkt werden?

Ich entschied mich für die dritte Möglichkeit: Ich zückte mein Smartphone, wählte die Handynummer unseres Trainers, erklärte ihm meine Situation und bat um seinen Rat. Der Hansi überlegte nicht lange, sondern meinte, ich solle einfach auflegen und kurz warten. Eine Minute später öffnete sich von innen wie durch Wunderhand die Sportheimtür. Im Spalt stand der Trainer, zwinkerte mir listig zu und forderte mich mit weit ausholender Handbewegung auf, ihm zu folgen. Vor mir stieg er die Kellertreppe hinab und rückte für mich einen freien Stuhl an die vollbesetzte Tafel.

Wie ich an diesem Sonntagabend nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Nur, dass die Zeitungs-Überschrift recht hatte: „Bierabsatz im Keller!“

© Bruno Busch